Das Gleichnis des Barmherzigen Vaters in der Catena Lk 15,11-32

Der Text aus der Catena Aurea

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.

Lukas stellt drei Gleichnisse hintereinander: Das verlorene Schaf, das wiedergefunden wurde; die verlorene Drachme, die wiedergefunden wurde; der Sohn, der tot war und wieder zum Leben zurückgekehrt ist; so werden wir durch ein dreifaches Heilmittel aufgerufen, unsere Sünden zu heilen. Christus trägt dich als Hirt mit seinem Leib, die Kirche sucht dich als Mutter, Gott nimmt dich auf als Vater. (Ambrosius)

Dieser Mann also hatte zwei Söhne. Das bedeutet: Gott hat zwei Völker, gleichsam zwei Sprosse des menschlichen Geschlechts: der eine blieb bei der Verehrung des einen Gottes, der andere verließ Gott, bis dahin, daß er Götzen verehrte. (Augustinus)

Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.

Du siehst aber, daß das göttliche Erbe den Bittenden gegeben wird; denke nicht, es sei die Schuld des Vaters, daß er dem jüngeren [seinen Teil] gab: kein Lebensalter ist zu schwach für Gottes Reich, und der Glaube wird mit den Jahren nicht leichter. (Ambrosius)

Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

Der jüngere Sohn reiste in ein fernes Land, aber nicht dadurch daß er räumlich von Gott wegging, der überall ist, sondern durch seinen freien Willen: Denn der Sünder flieht vor Gott, um möglichst weit entfernt von ihm zu sein. (Chrysostomus)

Wie könnte man nämlich weiter weggehen, als dadurch daß man sich von seiner Heimat nicht durch den Ort, sondern durch sein Verhalten trennt? Denn wer sich von Christus trennt, ist fern der Heimat und ein Bürger der Welt. Zu Recht heißt es, daß derjenige, der die Kirche verläßt, das väterliche Vermögen verschwendet. (Ambrosius)

Nicht nach vielen Tagen ist es geschehen, daß er alles genommen und in ein fernes Land gereist ist, d. h. daß er Gott vergessen hat. Das bedeutet, daß nicht lange nach der Erschaffung des Menschengeschlechts die Seele mit ihrem freiem Willen beschloß, eigenmächtig zu existieren, so als ob sie über ihre Natur verfügen könnte, den zu verlassen, von dem sie erschaffen worden ist, und auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen. Diese Kräfte verbrauchte sie umso schneller, je weiter sie sich von dem entfernte, der sie ihr gegeben hatte [...] Verschwenderisch oder üppig nennt er einen Lebensstil, der in äußerer Pracht schwelgt, innerlich aber leer ist. (Augustinus)

Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht.

Der Hunger ist der Mangel am Wort der Wahrheit. (Augustinus)

Es trat aber in jenem Land nicht eine Hungersnot an Nahrung ein, sondern an guten Werken und Tugenden, was ein noch bedauernswerterer Mangel ist. (Ambrosius)

Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

Die Schweine hüten bedeutet das tun, worüber die unreinen Geister sich freuen. (Beda)

Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

Die Futterschoten sind eine Art Hülsen, die innen leer, aber äußerlich dick sind. Durch sie wird der Leib nicht genährt, sondern nur gefüllt, so daß sie mehr lästig als nützlich sind. (Ambrosius)

Die Futterschoten also, mit denen er die Schweine fütterte, sind die weltlichen Lehren. Sie sind unfruchtbar und gehaltlos [...] Als er sich daher zu sättigen wünschte und darin etwas verläßliches und richtiges finden wollte, das ihn zu einem glücklichen Leben führt, konnte er es nicht finden. (Augustinus)

Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.

Er kehrt wohl zu sich selbst zurück, nachdem er sich selbst verlassen hatte. Denn wer zu Gott zurückkehrt, kehrt zu sich selbst zurück; und wer von sich von Christus entfernt, der entfernt sich von sich selbst. (Ambrosius)

Es gibt drei verschiedene Arten von Gehorsam: Entweder wir meiden das Böse aus Angst vor der Strafe – dann sind wir Knechte; oder wir halten uns an die Vorschriften, um dafür Lohn zu erlangen – dann sind wir Tagelöhnern ähnlich; oder wir dienen dem Gesetz um des Guten selbst willen und aus Liebe zu dem, der es gegeben hat – so sind wir zu Söhnen geworden. (Gregor von Nazianz)

Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.

Er kehrte aber nicht eher zu seinem früheren Glück zurück, als bis er in sich ging, das Gewicht seines niederdrückenden Elends fühlte und über die Worte der Umkehr nachdachte. (Gregor von Nyssa)

Wie barmherzig ist der [Vater], der beleidigt worden ist! Er weigert sich nicht, den väterlichen Namen zu hören. Dies ist das erste Sündenbekenntnis beim Schöpfer der Welt, dem Herrn der Barmherzigkeit und dem Richter über die Schuld. Auch wenn Gott alles weiß, wartet er dennoch auf das Bekenntnis aus deinem Mund: Das ausdrückliche Bekenntnis nämlich gereicht zum Heil, denn es nimmt das Gewicht des Irrtums hinweg, mit dem sich ein jeder belastet; und wer dem Ankläger mit seinem Bekenntnis zuvor kommt, entgeht einer schwerwiegenden Anklage. Vergeblich willst du vor dem etwas verbergen, der nicht getäuscht werden kann. Du kannst ohne Gefahr das preisgeben, wovon du weißt, daß es schon bekannt ist. Bekenne vielmehr, damit Christus für dich eintritt, die Kirche für dich bittet, das Volk für dich weint; und befürchte nicht, daß du nicht erhört wirst. Der Fürsprecher verheißt Vergebung, der Beschützer verspricht Gnade, der Retter sichert dir die Versöhnung durch die väterliche Güte zu. (Ambrosius)

Es ist die Frage, ob die Sünde “gegen den Himmel” dasselbe ist wie “gegen dich”, daß also entweder die Hoheit des Vaters selbst “Himmel” heißt, oder aber: ich habe gesündigt “gegen den Himmel”, d.h. gegen die heiligen Seelen, “gegen dich” aber im Innersten meines Gewissens. (Augustinus)

Oder aber mit der Sünde der Seele gegen den Himmel sind die verlorenen Gaben des Geistes gemeint; oder aber es heißt: er hätte sich nicht vom Schoß der Mutter Jerusalem, die im Himmel ist, entfernen dürfen. (Ambrosius)

Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.

Er beansprucht nicht das Recht des Sohnes, daß alles, was dem Vater gehört, auch ihm gehört; er denkt nicht einmal daran, danach zu verlangen; sondern er wünscht, ein Tagelöhner zu sein, der für Lohn arbeitet; aber auch das, bekennt er, kann ihm nur durch das väterliche Erbarmen zuteil werden. (Beda)

Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

So wollen auch wir es machen. Dabei soll uns die Länge des Weges nicht abschrecken: Denn wenn wir wollen, können wir schnell und leicht zurückkehren, wenn wir nämlich die Sünde zurücklassen, die uns aus dem väterlichen Haus herausgeführt hat. (Chrysostomus)

Der Vater spürte seine Umkehr; er wartete nicht auf die Worte seines Bekenntnisses, sondern kam der Bitte [des Sohnes] zuvor und erwies ihm Barmherzigkeit. (Chrysostomus)

Was bedeutet dieses Geschehen anderes, als daß wir, von unseren Sünden gelähmt, nicht aus eigener Kraft zu Gott gelangen konnten. Der Mächtige selbst aber stieg herab, um zu den Schwachen zu kommen. Der Mund wird geküßt, mit dem der Büßer sein von Herzen kommendes Bekenntnis aussprach, das der Vater freudig empfing. (Chrysostomus)

Er läuft dir also entgegen, weil er hört, was du im geheimen Inneren deines Herzens denkst; und da du noch weit entfernt bist, läuft er dir entgegen, damit dich nicht jemand aufhält. [...] und er fällt gleichsam im Gefühl väterlicher Liebe [dem Sohn] um den Hals, um den daniederliegenden aufzuheben und den mit Sünden beladenen und ins Irdische abgesunkenen wieder zum Himmel hin aufzurichten. (Ambrosius)

Um den Hals fallen, das heißt, in der Umarmung seinen Arm herabzustrecken; dieser Arm ist Jesus Christus. (Augustinus)

Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

[Der Sohn] fügt nicht hinzu, was er vorher überlegt hatte zu sagen: Mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Denn weil er kein Brot hatte, wollte er ein Tagelöhner werden; aber nach dem Kuß des Vaters in seiner übergroßen Güte wollte er es nicht mehr. (Augustinus)

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.

Das beste Kleid ist die Würde, die Adam verlor; die Diener, die es herbeibringen, sind die Verkünder der Versöhnung. (Augustinus)

Der Ring ist Zeichen des reinen Glaubens und Ausdruck der Wahrheit. (Ambrosius)

Oder der Ring an der Hand ist das Unterpfand des heiligen Geistes, wegen der Teilhabe an der Gnade, die durch den Finger treffend bezeichnet wird. (Augustinus)

Oder er läßt ihm den Ring geben [...] als Zeichen der Verlobung und Unterpfand der Hochzeit, in der Christus sich die Kirche vermählt, wenn die zur Bekehrung bereite Seele sich durch den Ring des Glaubens mit Christus verbindet. (Augustinus)

Die Schuhe an den Füßen bedeuten die Vorbereitung zur Verkündigung des Evangeliums: [Sie schützen die Seele,] damit sie nichts Irdisches berühre. (Augustinus)

Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

Das gemästete Kalb ist unser Herr Jesus Christus; er wird “Kalb” genannt wegen der Opfergabe seines unbefleckten Leibes; “gemästet” bedeutet, daß es so groß und so vorzüglich ist, daß es für das Heil der ganzen Welt ausreichend ist. Aber der Vater brachte nicht selbst das Mastkalb als Opfer dar, sondern übergab es anderen zur Opferung: denn der Vater ließ zu und der Sohn willigte ein, von den Menschen gekreuzigt zu werden. (Chrysostomus)

[Laßt uns essen:] wohl das Fleisch des Lammes, weil es das priesterliche Opfer ist, das für die Sünden dargebracht wurde. Er lädt zur Freude ein, wenn er sagt: Laßt uns fröhlich sein, um zu zeigen, daß die Speise des Vaters unser Heil und die Erlösung von unseren Sünden die Freude des Vaters ist. (Ambrosius)

Jeder, der zurückkehrt, von seinen Vergehen gereinigt wird und am Mastkalb Anteil erhält, ist ein Grund zur Freude für den Vater und seine Diener, die Engel und die Priester. (Theophylactus)

Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.

Die Heiden werden, wenn sie zum Glauben kommen, durch die Gnade lebendig gemacht; wer aber gefallen ist, wird durch die Umkehr wieder zum Leben erweckt. (Ambrosius)

Dieses festliche Mahl wird jetzt gefeiert: Die Kirche ist auf dem ganzen Erdkreis verbreitet: Jenes Mastkalb nämlich wird im Leib und Blut des Herrn dem Vater dargebracht und nährt das ganze Haus. (Augustinus)

Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

Weil die Schriftgelehrten und die Pharisäer über die Aufnahme der Sünder murrten, legte der Erlöser der Reihe nach drei Gleichnisse dar. In den ersten beiden deutet er an, wie er sich mit den Engeln über das Heil der Bekehrten freut; in diesem dritten aber zeigt er nicht nur seine Freude und die Freude der Seinigen, sondern tadelt auch das Murren der Neider. (Beda)

Israel, gleichsam der ältere Bruder, beneidete den jüngeren Sohn, d. h. das Heidenvolk, weil der Vater gütig gegen ihn gehandelt hat. (Ambrosius)

Er ist auch jetzt noch zornig, und will bis heute nicht eintreten. Wenn also die Gesamtheit der Heidenvölker eingetreten ist, wird zur rechten Zeit sein Vater herauskommen, damit auch ganz Israel gerettet wird. (Augustinus)

Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

Der unverschämte Sohn gleicht dem Zöllner, der sich selbst rechtfertigt, weil er das Gesetz dem Buchstaben nach einhält; schonungslos klagt er den Bruder an, daß er das väterliche Vermögen mit Dirnen verschwendet hat. (Ambrosius)

Die Dirnen aber bedeuten den Aberglauben der Heiden, mit dem er das Vermögen verschwendet: Sie verließen die Ehe mit dem wahren Gott und trieben in schändlichem Begehren mit dem Dämon Unzucht. (Augustinus)

Wenn er aber sagt: Du hast für jenen das Mastkalb schlachten lassen, bekennt er, daß Christus gekommen ist, aber aus Neid will er nicht gerettet werden. (Hieronymus)

 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Der Vater jedoch wies ihn [sc. den älteren Bruder] nicht wie einen Lügner zurück, sondern erachtet dessen Ausdauer als etwas Gutes und lädt ihn zur Vollkommenheit eines noch höheren und freudigeren Lobpreises ein. (Augustinus)

Wenn er nämlich aufhört zu beneiden, ist alles sein, indem er entweder als Jude die Sakramente des alten Bundes oder als Getaufter auch die des neuen Bundes besitzt. (Ambrosius)

 


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