Betrachtung von Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

Das Schönste im Gleichnis ist für mich, dass der Vater den Sohn “schon von weitem kommen sieht”. Er hat also immer auf ihn gewartet.

Der barmherzige Vater

Lukasevangelium 15,1-3.11-32

“Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist vielleicht das bewegendste unter allen Gleichnissen Jesu”, meint der große Schweitzer Theologe Hans Urs von Balthasar (1905-1988): “Lebendiger, anschaulicher hat Jesus den Vater im Himmel nie geschildert als hier.” Wer ist der verlorene Sohn? Jeder von uns! Allen hat Gott das Erbteil ausbezahlt und anvertraut: Unsere Freiheit, unsere Begabungen, unseren Verstand. Was machen wir daraus? Nicht alle geraten materiell ins Elend. Aber was machen wir aus dem kostbarsten Erbe, dem Glauben? Der verlorene Sohn hat seinen Vater vergessen, so wie wir oft Gott vergessen.

Gott aber vergisst uns nicht. Das Schönste im Gleichnis ist für mich, dass der Vater den Sohn “schon von weitem kommen sieht”. Er hat also immer auf ihn gewartet. Was für eine Botschaft! Gott schaut immer aus nach mir, wartet liebevoll, ja sehnsüchtig auf meine Heimkehr, auch wenn ich mich noch so weit von ihm entfernt habe. Und wenn ich zu meinem Vater, zu Gott, heimkehre, dann erwarten mich keine Vorwürfe, keine Anschuldigungen, sondern nur die Freude: Mein Kind, gut dass du lebst, schön dass du wieder zu Hause bist! Und Jesus will, dass all die griesgrämigen “älteren Brüder”, die ja auch wir selber oft sind, sich mit Gott über die Heimkehr des verlorenen Sohnes ebenso freuen.

Der “ältere Bruder” ist immer zu Hause geblieben. Er ist sozusagen “der brave Christ”, der alles ordentlich gemacht hat, ein treuer Kirchgänger, ein regelmäßiger Kirchenbeitragszahler. Aber eines ist ihm verloren gegangen: die Freude am “Daheim-Sein”. Er ist seines Glaubens nicht froh, dieser ist ihm zur Gewohnheit, ja zur Last geworden. Auch ihn verurteilt der Vater nicht. Er lädt ihn nur zur Freude ein: “Mein Kind, du bist immer bei mir!” Und da soll er nicht ein froher Christ sein?

Kardinal Christoph Schönborn


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